Feuereinsatz im Naturschutz in Mitteleuropa - Ein Positionspapier

Johann Georg Goldammer 1, Hans Page 1 und Johannes Prüter 2

1 Max-Planck-Institut für Chemie, Abteilung Biogeochemie, Arbeitsgruppe Feuerökologie, c/o Universität Freiburg, Postfach, 79085 Freiburg
2 Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz, Hof Möhr, 29640 Schneverdingen

 

Goldammer, J.G., J.Prüter und H.Page. 1997. Feuereinsatz im Naturschutz in Mitteleuropa. Ein Positionspapier. Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz, Schneverdingen, NNA-Berichte 10, Heft 5, 2-17. ISSN 09 35-14 50


1. Einleitung

2. Zur Feuergeschichte Mitteleuropas

2.1 Feuer in prähistorischer Zeit
2.2 Feuer in historischer Zeit
2.3 Feuerökologische Forschung im 20. Jahrhundert

3. Ökologische Auswirkungen des Feuers

3.1 Auswirkungen auf den Boden
3.2 Auswirkungen auf die Vegetation
3.3 Auswirkungen auf die Fauna
3.4 Auswirkungen von Vegetationsverbrennung auf die Atmosphäre

4. Gesetzliche Rahmenbedingungen

5. Feuer-Management

5.1 Die Technik des Feuereinsatzes
5.2 Der Feuereinsatz im Vergleich zu anderen Pflegemethoden
5.3 Möglichkeiten des Feuereinsatzes in Mitteleuropa bzw. in Deutschland

6. Öffentlichkeitsarbeit

7. Forschungsbedarf und Perspektiven

8. Ausblick

9. Zusammenfassung

Literatur


1. Einleitung

In den vergangenen drei Jahrzehnten ist in der modernen Ökologie ein stetig ansteigendes Interesse an der Erforschung der Rolle des Feuers in der Struktur und Dynamik von Ökosystemen zu verzeichnen. Die Öffnung und Erleichterung der Zugänglichkeit vieler Länder der Tropen und Subtropen und jüngst auch des östlichen borealen Eurasiens und die Internationalisierung der feuerökologischen Grundlagenforschung haben einen bislang nicht erreichten Wissensstand ermöglicht, der sich in einer großen Anzahl an Einzelarbeiten, Monographien sowie regionalen und globalen Analysen niederschlägt. Die einschlägige Fachliteratur beziffert sich mittlerweile auf einige Zehntausend Veröffentlichungen über Grundlagen des Auftretens und Verhaltens von Vegetationsbränden und die Auswirkungen des Feuers auf Ökosysteme, Atmosphäre und Klima.

Auch in Mitteleuropa kam es im Verlauf der letzten Jahrtausende immer wieder zu Vegetationsbränden, die auf die nacheiszeitliche Landschaftsgeschichte Einfluß genommen haben. Diese Feuer waren zunächst wohl teilweise natürlichen Ursprungs, und deren Bedeutung verringerte sich mit der zunehmenden Besiedelung und Urbarmachung des Raumes durch den Menschen. Spätestens seit dem Subatlantikum ist davon auszugehen, daß der menschliche Einfluß gegenüber den Blitzschlagfeuern überwiegt. Mit Beginn der Jungsteinzeit wurden hier Brandrodung und Wanderfeldbau betrieben. Spätestens ab dem Mittelalter wurde in offenen Landschaften, wie beispielsweise in Heide- und Moorgebieten, im Rahmen kontinuierlicher Landnutzung regelmäßig gebrannt. Das Bild der historischen Kulturlandschaft wurde bis in die Mitte dieses Jahrhunderts hinein durch das Feuer entscheidend mit geprägt.

Mit fortschreitendem Rückzug traditioneller Landnutzungsformen aus der mitteleuropäischen Landschaft und mit zunehmender Technisierung der Landwirtschaft geriet Feuer als Instrument gezielter Flächenbehandlung mehr und mehr in Vergessenheit. Diese Entwicklung wurde durch die Naturschutz- und Abfallbeseitigungsgesetze aus den 1970er und 80er Jahren verstärkt, die darauf abzielten, den Feuereinsatz im ländlichen Raum weitgehend zu unterbinden. Auch eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten und durchaus öffentlichkeitswirksame Fachtagungen, die Symposien "Feuerökologie", die vom Forstzoologischen Institut in Freiburg zwischen 1977 und 1989 veranstaltet wurden, konnten diese Entwicklungen in Deutschland nicht spürbar beeinflussen. In den praktischen Fragen zum Feuereinsatz in der Natur- und Landschaftspflege in Deutschland blieb es bis in die jüngere Zeit still. Im Bereich der Waldbrandverhütung und -bekämpfung wirkte sich das Trauma der Großwaldbrände in Niedersachsen von 1975-76 allerdings tiefgreifend aus, und es kam zu einer Reihe von organisatorisch-technischen Verbesserungen auf diesem Gebiet.

Gezielter Feuereinsatz überlebte - von wenigen Ausnahmen abgesehen - auf einigen Truppenübungsplätzen. Wenn es hier auch eher darum ging, Wildfeuer im Vorfeld zu unterdrücken und offene Schießbahnen zu erhalten, so sind es nicht zuletzt die zunehmenden Erkenntnisse aus diesen Naturräumen, die heute Anlaß zum Umdenken geben. Verstärkt wird ein Umdenken derzeit durch zweierlei Entwicklungen. Zum einen sind in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten eine Reihe von schutzwürdigen Flächen mangels einschlägiger Kenntnis der Bedeutung von Störungsdynamik von Ökosystemen falsch behandelt worden. Der Zustand dieser Flächen ist durch Sukzession, Überalterung und Artenverarmung gekennzeichnet. Zum anderen werden derzeit angesichts knapper öffentlicher Kassen die Pflege- und Erhaltungsmaßnahmen in solchen Landschaftsteilen zunehmend kritischer betrachtet.

Vor diesem Hintergrund veranstaltete die Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz (NNA) im Oktober 1996 in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzzentrum Hessen e.V. und der Arbeitsgruppe Feuerökologie und Biomasseverbrennung des Max-Planck-Institutes für Chemie (Abteilung Biogeochemie, Arbeitsgruppe Feuerökologie und Biomasseverbrennung) in Schneverdingen eine Fachtagung zum Thema Feuereinsatz im Naturschutz. Ziel der Veranstaltung war es, die Diskussion um das Für und Wider des kontrollierten Brennens, beispielsweise auf Heiden, Mooren, Trockenrasen und Brachen, neu zu beleben und mit einer aktuellen fachlichen Grundlage zu versehen. Ein NNA-Bericht mit den Tagungsbeiträgen ist in Vorbereitung.

Mit diesem Positionspapier soll auf der Grundlage der Tagungsergebnisse und der vorhandenen Literatur der aktuelle Diskussions- und Kenntnisstand über Feureinsatz im Naturschutz in Mitteleuropa bzw. in Deutschland zusammengefaßt werden. Damit soll eine fachliche Basis geschaffen werden, von der aus über praktische Fragen des Feuereinsatzes begründet entschieden werden kann. Abschließend werden Wissenslücken und Forschungsbedarf aufgezeigt.

 

2. Zur Feuergeschichte Mitteleuropas

Natur- und kulturgeschichtliche Quellen aus Mitteleuropa können wichtige Hinweise auf die Bedeutung des Feuers in der Landschaftsentwicklung in historischen Zeiträumen geben. Sie ermöglichen ferner, aus der geschichtlichen Bedeutung des Feuers heraus Rückschlüsse auf die aktuelle Situation verschiedener Ökosysteme zu ziehen und langfristige Entwicklungen von Lebensräumen in unserer Kulturlandschaft zu verstehen.

Die Auswertung schriftlicher historischer Quellen bietet dafür eine gute Möglichkeit, die bislang bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Mit ihrer Hilfe lassen sich für den Zeitraum seit dem Mittelalter relativ genaue Aussagen über Ursache, Ausmaß und Bedeutung des Feuers in Landnutzung, Brauchtum und sogar Glauben machen (Freudenthal 1931, Goldammer 1978, Pyne 1995, Pyne 1996). Die schriftlichen Zeugnisse werden jedoch bei zunehmendem Alter lückenhafter und müssen durch indirekte Methoden der Rekonstruktion historischer Feuernutzung ersetzt werden. Diese lassen jedoch nur Analogieschlüsse zu und sind bei weitem nicht so umfassend und genau wie schriftliche Aufzeichnungen.

Die wichtigsten Methoden sind hierbei jahrringanalytische Untersuchungen an Bäumen oder Baumstümpfen mit Brandwunden und Holzkohleanalysen aus Seesedimenten und Torfschichten. Jahrringanalysen können in Mitteleuropa allerdings keinen vergleichbar großen Platz bei der Rekonstruktion der Feuergeschichte einnehmen, wie vergleichsweise in Waldländern der weniger intensiv bewirtschafteten Regionen der Erde. In Deutschland gibt es praktisch keine Waldreste mit ausreichend alten Bäumen, die Brandwunden aufweisen, wie sie vergleichsweise noch in den nordischen Ländern zu finden sind.

Hingegen sind Bohrkerne aus Seesedimenten und Torfschichten im Zusammenhang mit der pollenanalytischen Rekonstruktion der nacheiszeitlichen Vegetationsentwicklung bei uns ein brauchbares Hilfsmittel. Ihre Ursprünge und Datierungsfähigkeit reichen vom Ende des Mittelalters bis weit in die vorgeschichtliche Zeit zurück und stellen heute die wichtigste Quelle dar, die Bedeutung des Feuers in der prähistorischen Landschaft zu rekonstruieren. Leider wurden bisher die bei Pollenuntersuchungen regelmäßg gefundenen Holzkohlepartikel kaum in Hinblick auf Landnutzungs- und Störungsgeschichte interpretiert. Erst in jüngster Zeit gibt es einige einschlägige Untersuchungen, die hier kurz vorgestellt werden sollen.

2.1 Feuer in prähistorischer Zeit

Aufgrund der Klimaschwankungen während des Holozän änderten sich auch die Rahmenbedingungen für Vegetationsbrände. Dabei galt auch die verallgemeinbare Tendenz, daß es bei trocken-warmem (kontinentalem) Klima zu häufigeren Vegetationsbränden kommt (s.a. Baumgartner et al. 1967, Langholz & Schmidtmayer 1993, Granström 1994). Das gilt sowohl für Brände, die durch Blitzschlag entstehen, als auch für solche kulturellen Ursprungs. Allerdings lassen sich die genauen Ursachen der prähistorischen Brände heute nicht mehr mit der erforderlichen Genauigkeit differenzieren.

Aus der Untersuchung von Holzkohlepartikeln und Pollen eines Sedimentprofils des Schleinsees, der einige Kilometer nördlich des Bodensees liegt, gewannen Clark et al. (1989) Erkenntnisse über die Bedeutung der Faktoren Feuer und Siedlungsgeschichte auf die nacheiszeitliche Vegetationsentwicklung in Süddeutschland. Die ältesten Schichten des Bohrkerns wurden mit Hilfe der Radiocarbon-Methode auf das achte Jahrtausend v. Chr. datiert und reichen damit bis in die nacheiszeitliche frühe Wärmezeit (Boreal) zurück, in der die Vegetation Mitteleuropas von ausgedehnten Kiefern und Birkenwäldern dominiert wurde. In dieser Zeit fand eine mäßige, aber regelmäßige Holzkohleakkumulation statt, die auf periodisch wiederkehrende Brände schließen läßt, wie sie für die borealen Waldländer heute noch charakteristisch sind (Goldammer & Furyaev 1996). In der anschließenden Haselzeit (7500 bis 5400 v.Chr.) gingen die Holzkohlefunde dann deutlich zurück, um anschließend zu Beginn der Eichenmischwaldzeit wieder stark anzusteigen. Das legt die Vermutung nahe, daß das Feuer eine bedeutende Rolle beim Vegetationswechsel zur Eichenmischwaldzeit gespielt hat. In der Zeit von 5300 bis 3800 v. Chr. konnte ein Feuerintervall von ungefähr 250 Jahren ermittelt werden.

Um 3700 v.Chr. ist ein steiler Anstieg in der Holzkohlenakkumulationsrate festzustellen, deren Ursache Clark et al. (1989) im Zusammenhang mit der neolithischen Brandrodungstätigkeit in den Altsiedelgebieten sehen. Zu Beginn der Bronzezeit geht die Holzkohlenakkumulation stark zurück und verschwindet nahezu vollständig in den jüngeren Schichten. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen zwei Untersuchungen von Berli et al. (1994) und Tinner & Amman (1996) aus der Schweiz.

Schwaar (1988, 1989) untersuchte mit Hilfe von Moorsedimenten die Vegetationsgeschichte des norddeutschen Raumes in der Nähe eines mesolithischen Fundplatzes im Bremer Blockland. Auffällig war dabei ein sehr hoher Birkenpollenanteil zur Zeit des Boreals, obwohl von den klimatischen Bedingungen her die Kiefer hätte begünstigt sein müssen. Er vermutet als Ursache eine Brandsukzession, in der sich die Birke als Pionierbaumart auf jungen Brandflächen stark ausbreiten konnte. Das entspricht einer Brandsukzession, wie sie für die heutigen borealen Wälder typisch ist. Zu Beginn des Atlantikums gehen die Kiefernpollen dann stark zurück, während gleichzeitig die Pollen von Calluna vulgaris massiv zunehmen. Außerdem wurden Holzkohlereste in den entsprechenden Torfschichten gefunden. Dies deutet darauf hin, daß es Brände größeren Ausmaßes gegeben haben muß, die den Wald längerfristig auflichteten und günstige Wuchsbedingungen für Callunaheiden schufen. In diesen lichten Wäldern gab es dank eines hohen Äsungsangebotes vermutlich günstige Lebensbedingungen für das Wild, und der mesolithische Mensch fand gute Jagdmöglichkeiten vor. Die für das Atlantikum typischen Eichenmischwälder waren ansonsten eher geschlossen und boten nur eingeschränkten Lebensraum für Mensch und Tier. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob der mesolithische Mensch die Brände bewußt legte oder ob er nur den natürlichen Bränden folgte.

Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt Becker (1995), die Bohrkerne aus mehreren Mooren bei Schneverdingen in der zentralen Lüneburger Heide auf das Vorkommen von Holzkohlepartikeln und Pollen hin analysierte. Sie fand in ihren Profilen eine auffällig ähnliche Häufigkeitsverteilung von Calluna-Pollen und Holzkohle, und schließt daraus, daß die ursprüngliche Existenz der Heide eng mit dem Feuer verknüpft ist.

2.2 Feuer in historischer Zeit

Indizien sprechen dafür, daß spätestens der neolithische Mensch das Feuer gezielt für Rodungszwecke einsetzte (Clark et al. 1989). So wurden Flächen für den Ackerbau geschaffen, der sich im Neolithikum von Süd-Osten her über Mitteleuropa ausbreitete. Seither wurde das Feuer in unterschiedlichen Anwendungsformen bei der Gestaltung des Lebensraumes eingebracht. Natürliche Brände hingegen wurden im kühleren und feuchteren Klima des Subatlantikum wahrscheinlich eher selten.

Im Lauf der Zeit entwickelten sich Wanderfeldbausysteme dort, wo aus klimatischen und edaphischen Gründen kein permanenter Ackerbau möglich war, und die in manchen mitteleuropäischen Gegenden noch bis in die Mitte unseres Jahrhunderts hinein Bestand hatten. Erste schriftliche Zeugnisse gibt es darüber seit dem Mittelalter ( Schneiter 1970, Hausrath 1982), in dem viele Mittelgebirgslagen kolonisiert wurden und die Menschen sich hier dauerhaft niederließen (Hasel 1985). Dabei bot ihnen die Brandwirtschaft, die in fast allen Mittelgebirgslagen und Nadelwaldzonen Europas auf ähnliche Art und Weise praktiziert wurde, häufig die einzige Möglichkeit, sich mit Feldfrüchten zu versorgen, Weideland zu schaffen und gleichzeitig Nutzholz zu gewinnen. Allen Brandwirtschaftsarten ist dabei gemeinsam, daß nach der Waldrodung das brauchbare Holz entnommen wurde und die restliche Vegetation entweder flächig oder zu Meilern aufgeschichtet verbrannt wurde. In die Asche, die für einige Vegetationsperioden einen gewissen Düngeeffekt ausübte, säte man Getreide (Roggen und Buchweizen), später pflanzte man auch Kartoffeln. Doch schon nach zwei bis drei Vegetationsperioden ließ die Düngewirkung so stark nach, daß sich der Ackerbau nicht mehr lohnte. Daraufhin ließ man noch einige Jahre das Vieh auf der Fläche weiden, bis sich nach und nach wieder Wald einstellte, der nach zehn bis zwanzig Jahren wieder gerodet wurde, und sich so der Kreislauf schloß. In der Zwischenzeit wurden andere Flächen auf die gleiche Art und Weise bewirtschaftet.

Im Laufe der letzten Jahrhunderte entwickelten sich in den deutschen Mittelgebirgslagen folgende Brandwirtschaftsformen:

Diese Wirtschaftsformen waren zum Ende des 19. Jahrhunderts noch auf mehreren 100.000 ha in Deutschland verbreitet (Schneiter 1970) und wurden in ähnlicher Weise in fast allen europäischen Nachbarstaaten durchgeführt. So entstand in diesen Gegenden ein abwechslungsreiches Landschaftsbild aus Wald, Brandrodungsflächen verschiedenen Alters und Weiden.

Auch in der Entwicklung und Nutzungsgeschichte der Heiden und Moore des atlantisch geprägten Mittel- und Nordwest-Europas spielte das Feuer eine bedeutende Rolle, so auch im norddeutschen Tiefland. Von hier ist vor allem das Heide- und Moorbrennen bekannt.

Die Heideflächen sind mit wenigen Ausnahmen anthropogen entstanden (Schwaar 1989, Ellenberg 1996). Ohne den Einfluß des Menschen und seines Weideviehs würden hier auf den meisten Standorten Wälder stocken, die je nach Wuchsbedingungen von Eichen, Buchen oder auch Kiefern dominiert würden. Doch das Brennen, Mähen, Abplaggen oder Beweiden dieser Flächen verhinderte den Gehölzaufwuchs, so daß sich die Heiden in diesem Raum über Jahrhunderte halten und entwickeln konnten. Wenn auch heute weniger die Bewirtschaftung sondern vielmehr die Pflege der Heiden aus Gründen des Naturschutzes und der Landschaftspflege im Vordergrund steht, so hat es sich doch als sinnvoll und notwendig erwiesen, sich mit den heutigen Pflegemaßnahmen eng an den von den Heidebauern überlieferten Bewirtschaftungsmaßnahmen zu orientieren. Zu ihnen gehörte - vor allem im nordwestdeutschen Raum und den Niederlanden - neben dem Plaggen (vgl. die Verbreitung der Plaggenasche bei Pape 1970)unter anderem auch das Feuer, das sich als geeignetes Mittel erwies, um die Heide zu verjüngen und vor Überalterung und Verbuschung zu schützen. "Gegen all dieses hat aber der Lüneburger Schafhalter ein billiges Mittel, vielleicht das billigste, welches vom Agronomen angewendet wird: ein Streichhölzchen. Er zündet mit mehr oder weniger Vorsicht resp. Schonung gegen benachbarte Haide-, Wald- etc. Grundstücke an einem schönen Sommertag die Haide an und lässt sie brennen, so gut sie will" (Borggreve 1873).

Das Moorbrennen war seit dem Mittelalter in Finnland, Rußland, Holland und Belgien üblich. Von Holland aus wurde es um 1600 auch in die nordwestdeutschen Moorgebiete eingeführt und dort bis ca. 1850 mit unterschiedlichen Verfahren praktiziert. Diese haben alle gemeinsam, daß im oberflächlich entwässerten Moor das feste Fasergewebe des organischen Bodens durch das Feuer zerstört und eine Düngung erzielt wird, die den anschließenden Ackerbau ermöglicht (Brünings 1881, Schneiter 1970).

Neben den in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert gebildeten Formen der Brandwirtschaft mit landwirtschaftlicher Zwischennutzung, bei denen entweder die Landwirtschaft oder die Forstwirtschaft im Vordergrund standen, kam noch das Brennen von Weideflächen hinzu, das vor allem auf Almwiesen stattfand. Die Ursachen der Anlage von den größtenteils sehr abgelegenen Brandäckern wird von den meisten Autoren dieser Zeit in der ständigen Nahrungsmittelknappheit gesehen, die durch das Bevölkerungswachstum ausgelöst wurde. Sie waren also in fast allen Fällen ein Kind der Not und verschwanden zunehmend mit der Technisierung und Intensivierung der Landwirtschaft seit der Mitte des letzten Jahrhunderts.

Die einzigen Refugien, in denen das Feuer seinen prägenden Einfluß bis heute bewahrt hat, sind die Truppenübungsplätze, sowohl die in Betrieb stehenden als auch die aufgegebenen. Sie sind die letzten Bereiche in Mitteleuropa, in denen es regelmäßig zu Vegetationsbränden gekommen ist. Sie entstanden entweder zufällig beim Schießbetrieb, oder es wurde kontrolliert gebrannt, um die Flächen offen zu halten und um Großbrände im Vorfeld zu vermeiden. So spielte neben anderen Störfakoren - wie beispielsweise Bodenverwundungen durch Artilleriegeschosse und Kettenfahrzeuge - das Feuer hier eine wesentliche Rolle für die Entstehung und Entwicklung von in Mitteleuropa einzigartigen Ökosystemen. Viele Tier- und Pflanzenarten, die in der modernen Kulturlandschaft zunehmend vom Aussterben bedroht sind, fanden hier Rückzugshabitate, die ihnen ein Überleben ermöglichten. Paradoxerweise entstanden auf diesen Flächen, auf denen über Jahrzehnte Zerstörung und Vernichtung geprobt wurden, durch wiederkehrende "Katastrophen" für den Naturschutz wertvolle Lebensräume. Von diesen profitieren insbesondere solche Tier- und Pflanzenarten, die an kleinräumigen Strukturreichtum und nährstoffarme Pioniersituationen in der Landschaft angewiesen sind (Beutler 1992, Pries & Bukowsky 1993, Beutler & Unselt 1996).

2.3 Feuerökologische Forschung im 20. Jahrhundert

Während man in Europa mit zunehmenden Erfolg versuchte das Feuer aus der Landschaft fern zu halten, entwickelte sich vor allem in den USA seit Mitte diesen Jahrhunderts das Feuer-Management. Dabei wird das Feuer gezielt für Naturschutz und Pflegemaßnahmen eingesetzt. Anfang der siebziger Jahre arbeiteten erstmals deutsche Wissenschaftler mit nordamerikanischen Feuerforschern zusammen und veröffentlichten in den Folgejahren eine Reihe von Publikationen über die Feuerökologie, das Feuer-Management und die Anwendung des Feuers in der Landschaftspflege.

In den Jahren 1977, 1983 und 1989 wurden am Forstzoologischen Institut der Universität Freiburg internationale Symposien zum Thema Feuerökologie abgehalten. Doch abgesehen von vereinzelten Brennversuchen ist das Feuer nicht weiter zur Anwendung gekommen. Von der Öffentlichkeit und insbesondere der Naturschutzverwaltung gab es keine Unterstützung. So konzentrierte sich die feuerökologische Forschung in Deutschland in den vergangenen Jahren im Wesentlichen auf Problemstellungen außerhalb der eigenen Grenzen (Goldammer et al. 1997).

In den letzten Jahren kommt man auch im amtlichen Naturschutz zunehmend zu der Einsicht, daß viele als schützenswert erachtete Kulturlandschaftsteile nicht in statischen Zuständen zu erhalten sind, sondern daß ihnen eine typische Entwicklungsdynamik innewohnt. Rahmenbedingungen für den Fortbestand dieser Dynamik zu schaffen, ist eine wesentliche Aufgabe des Naturschutzes. Vor allem viele von Offenheit geprägte Ökosysteme Mitteleuropas stellen Sukzessionsstadien dar. Ohne periodisch auftretende Störfaktoren würde ihre Entwicklung überwiegend zu Wald führen. Derzeit ist es außerordentlich schwierig, gewachsene Offenlandschaften, die heute nicht mehr rentabel bewirtschaftet werden können, durch Pflegemaßnahmen zu erhalten. Die dem Naturschutz gesetzlich zugeschriebenen Aufgaben können bei den gegebenen Verhältnissen in der notwendigen Konsequenz heute kaum noch durchgeführt werden.

Dies sind die wesentlichen Gründe, die mit dazu beitragen, daß die Feuerökologie in der Diskussion wieder an Bedeutung gewinnt. Die NNA-Fachtagung vom Oktober 1996 hat diese Entwicklung aufgegriffen und versucht, an die feuerökologischen Ansätze aus den siebziger Jahren anzuknüpfen. Die seither gewonnen Ergebnisse wurden zusammengefaßt und sollten als Grundlage für sachgerechte Entscheidungen in der Zukunft herangezogen werden.

 

3. Ökologische Auswirkungen des Feuers

Im Vergleich zu anderen Regionen der Erde sind feuerökologische Forschungen in Mitteleuropa nur gelegentlich Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen, und entsprechend groß ist der Forschungsbedarf. Es mangelt vor allem an langfristigen, interdisziplinären Ansätzen zu Untersuchungen der Auswirkungen von Feuer auf die vielfältigen Interaktionen von unbelebter Umwelt, Flora und Fauna.

Die Ergebnisse der wenigen Untersuchungen, die in Mitteleuropa zu feuerökologischen Fragestellungen durchgeführt wurden, werden im Folgenden knapp dargestellt. Dabei beschränkt sich diese Arbeit auf die Auswirkungen von Feuer in Offenlandgesellschaften. Zum Thema Feuer im Wald sei nur so viel gesagt, daß das kontrollierte Brennen in vielen Waldökosystemen der Erde zur Verhinderung von Schadfeuern und Insektenkalamitäten sowie bei der Waldverjüngung eine bedeutende Rolle spielt. Unter ausschließlich ökologischen Gesichtspunkten ist Feuer auch im Wald keine Katastrophe, sondern eine "Störung einer Entwicklung, die neue Entwicklungsmöglichkeiten schafft" (Buck 1979). Es gibt sogar einige interessante waldbauliche Ansätze, bei denen man sich einen gezielten Feuereinsatz vorstellen könnte, beispielsweise zur Verjüngung und/oder Umwandlung von Kiefernforsten hin zu strukturreicheren und naturnäheren Beständen. Es soll weiteren Diskussionen vorbehalten bleiben, der Frage nachzugehen, inwieweit für eine zunehmend ökologisch ausgerichtete Waldbewirtschaftung der gezielte Feuereinsatz auch in Deutschland wieder Bedeutung erlangen kann.

3.1 Auswirkungen auf den Boden

Die Frage nach der Erhöhung der Bodentemperaturen bei einem Wildfeuer oder einem kontrollierten Pflegefeuer wird häufig deswegen gestellt, weil pflanzliche und tierische Organismen potentiell stark betroffen sein können. Dieser direkte Einfluß der Hitze ist sehr variabel, da er von Mächtigkeit und Feuchtigkeitsgehalt der organischen Auflagen ebenso abhängt, wie vom Feuerverhalten (Ausbreitungsgeschwindigkeit, Verweilzeit, Menge des Brennmaterials, Gegen- oder Mitwindfeuer; s. Abschn. 5.1). Temperaturen an der Bodenoberfläche, die mehrere hundert ° C betragen können, können im oberen Mineralboden bzw. in Humusauflagen rasch abnehmen. In zwei bis drei cm Tiefe werden beim kontrollierten Brennen und auch bei Wildfeuern (Bodenfeuern) selten mehr als 40 bis 50 ° C erreicht. Bei Vollfeuern im Wald können sie kurzfristig dann stark ansteigen, wenn beispielsweise große Mengen von Holz (Baumstämme, Holzlager) brennen und die Verweilzeit des Feuers entsprechend lang ist (Goldammer 1978, Schreiber 1981, Webb 1997).

Anders verhält es sich mit den mikroklimatischen Folgen eines Brandes. Eine Freilegung des Mineralbodens und/oder dunkle Ascheauflagen auf der Bodenoberfläche führen zu einer Erhöhung der Bodentemperaturen durch Einstrahlung und der Umgebungstemperatur. So wurde nach Brandversuchen eine erhöhte Einstrahlung und Wärmeadsorption festgestellt, bei der die Bodentemperaturen bis in mehrere dm Tiefe über längere Zeit um einige ° C anstiegen (Riess 1976a, Schiefer 1983).

Bei kontrollierten Bränden auf Brachflächen in Baden-Württemberg wurde nach dem Feuer eine Abnahme des Bodenwassergehaltes auf trockeneren Standorten festgestellt; auf den feuchteren Standorten traten keine Unterschiede auf (Schiefer 1983). Von Riess (1976a) werden Untersuchungen aus den USA erwähnt, bei denen es zu einer Zunahme des Bodenwassergehaltes nach dem kontrollierten Brennen kommt.

Durch das Feuer wird in der Regel der pH-Wert des Bodens angehoben. Der Grund liegt vor allem in dem Freiwerden von Ca, Mg, und K durch das Verbrennen der Vegetation. Da diese in der Regel in Form von Oxiden und Carbonaten auftreten, steigt der pH-Wert an und kann über mehrere Jahre stabil bleiben (Viro 1974, Riess 1976a, Goldammer 1978).

Schreiber (1981) vergleicht das schlagartige Freiwerden von leicht löslichen Nährstoffen aus der Asche der organischen Substanz mit einer Düngergabe, von der ein großer Teil aber auch recht schnell aus dem System wieder ausgetragen werden kann - je nach Witterungs-, Boden- und Vegetationsverhältnissen. Mit dem Rauch verflüchtigen sich vor allem C, N und S (Allen 1966). Die Größe und Beständigkeit des Nährstoffanstiegs von N, P, K und Ca im Boden hängt wesentlich von Feuerart und Bodentyp ab (Riess 1976a). Auf sauren, podsoligen Böden ist schon nach wenigen Vegetationsperioden der Ausgangszustand wieder erreicht (Allen 1964, Viro 1974, Diemont 1996).

3.2 Auswirkungen auf die Vegetation

Über die langfristigen Auswirkungen des Feuers in Offenlandgesellschaften gibt es noch einen großen Forschungsbedarf. Es existiert lediglich eine umfassende Langzeit-Untersuchung über die Auswirkung des Feuers auf Grünlandgesellschaften in Baden-Württemberg, die einen zwanzig Jahre währenden Beobachtungszeitraum umfaßt. Dabei wurden die drei Pflegevarianten Mulchen, Sukzession und kontrolliertes Brennen auf Brachflächen durchgeführt und beobachtet, wie sich verschiedene Grünlandgesellschaften vom Trockenrasen bis zur Feuchtwiese entwickelten (Schreiber 1995).

Auf den Flächen, die jährlich im Winter gebrannt werden, tritt kein Gehölzaufwuchs ein, auch nicht in Bereichen, in denen der Invasionsdruck der Schlehe (Prunus spinosa), die als besonders feuertolerant gilt, hoch ist. Wird jedoch nur jedes zweite Jahr gebrannt, so wandern Schlehe und Wildrosenarten ein, Bäume bleiben jedoch aus. Durch das Brennen werden Arten gefördert, die sich durch unterirdische Ausläufer und Rhizome rasch erneuern können (Schreiber 1981). Im Vergleich zur Sukzessionsfläche nimmt die Artenhäufigkeit zu, im Vergleich zur Mulchfläche nimmt sie ab.

Verallgemeinerungen sind jedoch nur bedingt möglich, da das Feuerverhalten einen wesentlichen Einfluß auf die folgende Entwicklungsdynamik hat. Heiße Gegenwindfeuer schädigen vor allem Moose, Horst- und Rosettenpflanzen, da sie hohe Temperaturen in Bodennähe erzeugen. Bei in Bodennähe kälteren Mitwindfeuern treten meist keine direkten Vegetationsschäden auf, ganz im Gegenteil können die Vitalität und die Blühintensität einiger Arten gefördert werden. Diese Effekte sind weniger durch die beim Brennen freiwerdenden Nährstoffe zu erklären, als vielmehr durch die Beseitigung der wuchshemmenden Streudecke, die ein Ansteigen von Temperatur und Lichtintensität in Bodennähe ermöglicht (Schiefer 1983, Schreiber 1981).

Insgesamt läßt sich verallgemeinern, daß das Brennen positiv zu beurteilen ist, wenn es vor allem um den Strukturerhalt von Grünlandflächen geht, nicht aber hinsichtlich der floristischen Bereicherung von Wiesengesellschaften (Zimmermann 1975, Schreiber 1995). In Thüringen (Nördliches Harzvorland) wurde von Wegener (1993) in verschiedenen Offenlandgesellschaften von 1978 bis 1990 regelmäßig gebrannt. Aufgrund dieser langjährigen Erfahrung kam er zu dem Schluß, daß sich das Feuer zur Pflege von den subkontinental beeinflußten Trockenrasen, Sandtrockenfluren und Gebirgstrockenrasen sehr gut eignete. Skeptischer ist er bei den zentraleupopäischen Heideflächen. Das Brennen auf Frischwiesen lehnt er ab, da neben den brenntechnischen Schwierigkeiten - bedingt durch die Feuchtigkeit - die oberirdische Biomasse in keinem Verhältnis zum gespeicherten Nährstoffpool im Boden steht.

Der Einfluß des Feuers auf die Dynamik der Heidevegetation im nordwestlichen Mitteleuropa wurde vor allem in Großbritannien, Holland und Dänemark untersucht (Jørgensen 1993, Diemont 1996, Webb 1997). Bei einer Untersuchung von Brandflächen in Heiden auf Truppenübungsplätzen in Nordwestdeutschland wurde festgestellt, daß sich ein hoher persistenter Samenvorrat in Form von Samenbänken auf den frisch gebrannten Flächen befindet, der maßgeblich für die schnelle Wiederbesiedlung nach Brandereignissen ist. Dies gilt vor allem für die Besenheide (Calluna vulgaris), deren Samen Temperaturen von über 200 ° C überleben (Muhle und Röhrig 1979) und deren Keimung duch den Temperaturstreß gefördert wird (Mirsch 1997). In abgeschwächter Form gilt das auch für andere typische, teilweise seltene Arten der subatlantischen Sandheiden.

Auch von Flechten (u.a. Cladonia pleurata und Cladonia fimbriata) kann die offene Fläche schnell wiederbesiedelt werden, da häufig aus den vom Brand angekohlten Grundschuppen schon im darauffolgenden Jahr wieder Fruchtkörper austrteiben.

Der kurz nach dem Brand ansteigende Nährstoffvorrat fördert die Vitalität der Heide. Sie keimt rasch nach einem Feuer, wächst schnell heran, entwickelt eine ausgeprägte Blüte und stellt für viele Vögel und Säuger aufgrund des höheren Nährstoffgehaltes eine wertvollere Nahrung dar (Muhle und Röhrig 1979, Remmert 1989, Klaus 1993, Lütkepohl et al. 1997). Längerfristig erreicht man durch das Brennen einen gewünschten Stickstoffaustrag, der in seiner Größenordnung dem Plaggen entspricht, wenn man das Feuerintervall nicht zu groß wählt (Diemont 1996, Allen 1964). Unverbrannte Streuauflagen, die nach einem Brand übriggeblieben sind, sind ein signifikantes Keimungshemmnis; hier ist meist nur eine vegetative Regeneration möglich. Die Vergrasung mit Drahtschmiele (Deschampsia flexuosa) kann nur durch einen intensiven Brand verhindert werden. In alten grasreichen Heideflächen, die gebrannt wurden, erfährt die Besenheide eine Steigerung ihrer Konkurrenzkraft und kann sich oftmals längerfristig durchsetzen (Jørgensen 1993, Lindemann 1993).

Die Ergebnisse langjähriger Brandversuche im Neustädter Moor (Niedersachsen) deuten darauf hin, daß das kontrollierte Brennen im Zusammenhang mit der Schafbeweidung bei der Entwicklung degenerierter Moore im Sinne des Naturschutzes unerläßliche Pflegemaßnahmen sind. Durch den erhöhten Mineralstoffgehalt, der in der ersten Vegetationsperiode nach dem winterlichen Brennen auftritt, wird das Wachstum vieler Moor- und Heidepflanzen angeregt, wovon viele Herbivoren profitieren. Wird die Brandfläche im darauffolgenden Frühjahr mit Schafen beweidet, kommt es zu dem erwünschten langfristigen Nährstoffaustrag.

3.3 Auswirkungen auf die Fauna

Die meisten bisher durchgeführten Untersuchungen zu den Auswirkungen des Feuers auf die Tierwelt beziehen sich auf wirbellose Organismen - insbesondere Spinnen und Insekten.

Mehrjährige Untersuchungen, die über die aktuellen Auswirkungen des Feuers hinaus auch langjährige Besiedlungsprozesse in die Betrachtung einbeziehen, sind allerdings selten. (Webb 1994, Lütkepohl et al. 1997) Grundsätzlich gilt, daß die Erbgebnisse populationsökologischer Untersuchungen an Wirbellosen auf Brandflächen von einer Vielzahl von Einflußfaktoren, wie Brandtemperatur, Strukturparameter, Witterungsverlauf, Wahl der Fangmethoden usw. abhängig sind. Eine Übertragung der Ergebnisse kann daher stets nur unter Vorbehalt erfolgen.

Die ersten Versuche kontrollierten Brennens auf Calluna-Sandheiden im Naturschutzgebiet "Lüneburger Heide" wurden im Jahre 1993 durchgeführt. Unmittelbare Auswirkungen eines Mitwindfeuers im Februar waren nur für solche Insektenarten nachweisbar, die an Zweigen oder vetrockneten Blüten der Calluna-Pflanzen überwintern. Spinnen, Käfer, Wanzen und andere in der Streuschicht überwinternde Artengruppen blieben unbeeinflußt. Eine dreijährige Folgeuntersuchung mit Bodenfallen belegt, daß trockenheit- und wärmeliebende Arten spontan positiv reagierten, woghingegen die in der Ausgangsvegetation vorhandene Artengemeinschaft sich erst mit der dichter schließenden Vegetation allmählich wieder einstellte. Nach diesen Untersuchungen ist in der Heide ein Brandeffekt in der Zusammensetzung der Wirbellosenfauna für einen Zeitraum von etwa 10 Jahren erkennbar (Lütkepohl et al. 1997).

Entsprechende Untersuchungen in einer Moorheide (Pusching u. Schettler-Wiegel 1987) zeigten, daß kontrolliertes Brennen nur bei einigen Gruppen der gesamten Überwinterungsfauna Auswirkungen zeigt; hier waren vor allem Spinnen, Hautflügler und Schmetterlingslarven betroffen.

Unter Gesichtspunkten eines speziellen Artenschutzes sind die Auffassungen über die Brandauswirkungen nicht immer einheitlich. Retzlaff und Rubrecht (1991) betonen Probleme für bestimmte eng eingenischte Insektenarten auf gebrannten Flächen, Clausnitzer (1994) hingegen hält Feuer in Heiden für einen wesentlichen Faktor, um z.B. stark gefährdete Arten wie der Heideschrecke (Gampsocleis glabra) Lebensraum zu erhalten.

Faunistische Begleituntersuchungen zu winterlichen Brandversuchen auf Grünlandbrachen in Baden-Württemberg bestätigen erwartungsgemäß, daß auf den Brandflächen mit dem Rückgang von Überwinterunsgstadien solcher Arten gerechnet werden muß, die in der Vegetation überwintern (Handke u. Schreiber 1985, Handke 1988). Auch hier ließ sich zeigen, daß mobile thermo- und xerophile Arten eher positiv auf das Brennen reagieren, die weniger mobilen und eher an feuchtere Standorte angepaßten Arten werden dagegen eher negativ beeinflußt (s. auch Zimmermann 1978, Hoffmann 1980, Lunau u. Rupp 1988).

Entscheidend für die Bewertung des kontrollierten Brennens als Maßnahme der Landschaftspflege aus faunistischer Sicht sollten im Grundsatz jedoch weniger die unmittelbaren Individuenverluste durch das Brennen sein. (Sie erfolgen auch bei allen sonstigen Eingriffen in die Vegetationsentwicklung in mehr oder minder intensiver Form.) Sehr viel bedeutsamer sind die Fragen, inwieweit Feuer dazu beitragen kann, selten gewordene Pionierstadien als Ausgangspunkte immer wieder einsetzender Sukzessionen zu schaffen und damit kulturbedingte Ökosysteme in ihrer Gesamtheit und mit der ihnen innewohnenden Entwicklungsdynamik zu erhalten. Sofern Brandflächen sich in einem angemessenen Größenverhältnis zur Ausdehung des Gesamtlebensraums befinden, werden Prozesse der Wiederbesiedlung gestörter Flächen erfolgen können, werden irreversible Störungen der Wirbellosenfauna nicht zu befürchten sein.

Systematische Untersuchungen zur Auswirkung kontrollierten Brennens auf Wirbeltierpopulationen sind aus Mitteleuropa nicht bekannt. In der Regel dürften die Versuchsflächen zu klein sein, um direkte Schadeinflüsse, die auf Poulationsebene relevant sein könnten, zu bewirken. Einzig auf die Frage möglicher negativer Auswirkungen auf überwinternde Reptilien wird mehrfach im Grundsatz hingewiesen (Podloucky 1988, Werkgroep Heidebehoud en Heidebeheer 1988). Umgekehrt gibt es auch immer wieder Beobachtungen dafür, daß frisch entstandene Brandflächen mit ihren besonderen thermischen Bedingungen gerade für Reptilien zumindest als Teillebensraum rasch Bedeutung erlangen können. Generell gilt sicher auch für Reptilien wie für andere Wirbeltiergruppen, daß eine möglichst reichhaltige Strukturausprägung in Offenland-Lebensräumen im Hinblick auf die Diversität von Artengemeinschaften eher positiv einzuschätzen ist (Riess 1980).

Für einige Vogelarten des Offenlandes konnte inzwischen gut belegt werden, daß in bestimmten Gebieten Bestandsrückgänge mit dem Ausbleiben des Feuers als gestaltendem Faktor im Lebensraum einhergehen (Gatter 1996). Die Reliktverbreitung des strukturreiche offene Pionierlebensräume bevorzugenden Birkhuhns (Tetrao tetrix) im mitteleuropäischen Tiefland zeigt auffällige Bezüge zu solchen Flächen, auf denen Feuer noch heute eine Rolle spielt. In Niedersachsen finden sich die letzten autochthonen Vorkommen dieser Art auf Truppenübunsgplätzen bzw. im Naturschutzgebiet "Lüneburger Heide" (Klaus 1993, Lütkepohl 1996).

Daß auch nach unkontrollierten Waldbränden entstandene Kahlflächen von typischen Offendland-Arten der Vogelwelt spontan für einen in der Regel begrenzten Zeitraum besiedelt werden können, ist vielfach belegt und soll hier nicht weiter vertieft werden (u.a. Winter 1980, Neuschulz 1991).

3.4 Auswirkungen von Vegetationsverbrennung auf die Atmosphäre

Bei der Verbrennung pflanzlicher Biomasse wird vor allem Kohlenstoff freigesetzt, der einen Anteil von durchschnittlich 45% ihres Trockengewichts hat. Die Freisetzung erfolgt zum größten Teil in Form von Kohlendioxid (CO2), gefolgt von Kohlenmonoxid (CO). Das Verhältnis von CO2:CO hängt von der Vollständigkeit der Verbrennung ab. Bei gut sauerstoffversorgten, "heißen" Feuern wird wenig CO emittiert. Bei Schwelbränden (Pyrolyse und nicht vollständige Oxidierung des Brennmaterials) werden zunehmend Methan und andere Kohlenwasserstoffe freigesetzt, dazu Wasserstoff (H2) und vor allem organische Säuren. Durch photochemische Prozesse ("Smog") wird aus CO, Kohlenwasserstoffen und Stickoxiden (NOx) u.a. Ozon (O3) gebildet. Neben den gasförmigen Verbindungen werden zusätzlich Aerosole freigesetzt. Die Charakteristika dieser Emissionen sind vergleichbar mit denen aus Verbrennung fossiler Energieträger.

Zur Anreicherung von CO2 in der Atmosphäre ("Treibhauseffekt") tragen Vegetationsbrände nur dann bei, wenn Kohlenstoff rechnerisch in der Atmosphäre verbleibt. Ein Beispiel hierzu ist die Verbrennung von Tropenwald, der bis zu mehrere Hundert Tonnen Kohlenstoff pro Hektar gespeichert hatte. Nach Verbrennung und Umwandlung in Weideland hat sich der Vorrat an Kohlenstoff auf etwa 3-8 Tonnen pro Hektar reduziert.

Im Fall von periodisch wiederkehrenden Bränden, wie beispielsweise in Grasländern (tropische Savannen oder hiesige Trockenrasen) oder Buschformationen (mediterrane Buschvegetation oder hiesige Heide) wird der Kohlenstoff durch die nachwachsende Vegetation dann wieder vollständig gebunden, wenn die Produktivität des Standortes durch Feuer oder andere begleitende Einflußfaktoren nicht reduziert wird. Der Zeitraum der Kohlenstoffbindung nach Feuer entspricht dem "Feuerintervall", der im Fall von Grasländern ein bis drei Jahre betragen kann, im Fall von Busch- und Strauchgesellschaften bis zu 30-50 Jahren. Hinsichtlich des Treibhauseffektes sind daher diese Brände mittel- bis langfristig neutral.

Mechanisierte, maschinelle Pflegemaßnahmen schließen in einer CO2-Bilanz hingegen sehr viel ungünstiger ab, da fossiler, treibhauswirksamer Brennstoff verbraucht wird.

Hinsichtlich der Emission von Spurengasen bzw. Aerosolen aus kontrolliertem Feuer in potentiellen Zielgebieten in Deutschland kann man von folgenden Größenordnungen ausgehen: Eine jährliche Brandfläche von 1000 ha in verschiedenen Naturschutzgebieten würde bei einer anzunehmenden durchschnittlichen Verbrennung von maximal 20 t Pflanzenmaterial (Trockengewicht) pro ha zu einer vorübergehenden Freisetzung von 9.000 t Kohlenstoff führen. Vergleichsweise brennen in den Mittelmeerländern jährlich im Durchschnitt 600.000 ha Wald- und Buschland. Dabei werden im Durchschnitt ca. 50 t/ha pflanzlicher Biomasse verbrannt und somit insgesamt etwa 13,5 mio t Kohlenstoff an die Atmosphäre abgegeben. Weltweit werden jährlich im Durchschnitt 4,1 Milliarden t Kohlenstoff durch Vegetationsbrände freigesetzt (Andreae et al. 1996).

Während ein solches Brennszenario für Deutschland die Freisetzung von Spurengasen und Aerosolen eine vergleichsweise vernachlässigbare Größenordnung hat, kann durch das kontrollierte Brennen eine Beeinträchtigung von Infrastrukturen und Verkehr durch Rauch herbeigeführt werden, vor allem Sichtbehinderung. Die sich daraus ergebenden Probleme können im Vorfeld durch geeignete meteorologische Beratung und entsprechende Wahl von Zeitpunkt und technischer Durchführung des Brennens minimiert werden. Die Entwicklung in den USA, in denen hohe Standards der Luftreinhaltung bestehen, zeigt, daß Kompromisse für die Durchführung eines aus ökologischer Sicht notwendigen kontrollierten Brennens gefunden werden können.

 

4. Gesetzliche Rahmenbedingungen

Der Einsatz von Feuer in der offenen Landschaft ist für die Bundesrepublik Deutschland in den Naturschutz- und Abfallbeseitigungsgesetzen des Bundes und der Länder geregelt. Grundsätzlich verbietet der Gesetzgeber das flächige Abbrennen von Vegetation und Vegetationsabfällen. Ausnahmen von diesen Regelungen, beispielsweise für die Forschung oder wenn der Schutzzweck eines nach Naturschutzrecht gesicherten Landschaftsteils dieses ausdrücklich erfordert, sind möglich und kamen bei den bisherigen Brennversuchen zur Anwendung.

Im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) ist der Einsatz von Feuer nicht explizit erwähnt. Es sind jedoch Hinweise im Gesetzestext zu finden, die für den Einsatz von Feuer für Pflegeaufgaben Bedeutung haben. Die Naturschutzgesetze des Bundes und der Länder zielen darauf ab, Natur und Landschaft zu schützen, zu pflegen und zu entwickeln, um u.a. die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes zu gewährleisten und die gewachsene Eigenart von Landschaften zu schützen (§1 BNatSchG). In vielen Fällen handelt es sich dabei um Reste einer über viele Jahrhunderte gewachsenenen historischen Kulturlandschaft. Zu den Grundsätzen des Naturschutzes und der Landschaftspflege gehört es auch, solche historisch gewachsenen Kulturlandschaften von charakteristischer Eigenart (§2,13 BNatSchG) sowie die natürlich und historisch gewachsene Artenvielfalt (§2, 10 BNatSchG) zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. Dabei sollen nach Möglichkeit auch traditionelle Wirtschaftsformen zum Einsatz kommen (Louis 1994). In Abschnitt 2 wurde gezeigt, daß der Feuereinsatz zu landwirtschaftlichen Zwecken mit zu den ältesten Wirtschaftsformen gehört und daß viele der historischen Kulturlandschaften untrennbar mit dem flächigen Brennen verbunden sind.

In §20d BNatSchG sind die allgemeinen Artenschutzbestimmungen geregelt. Danach ist es verboten, ohne vernünftigen Grund Lebensstätten wildlebender Tier- und Pflanzenarten zu beeinträchtigen oder zu zerstören. Dieses ist eine Rahmenregelung, die von den Ländern näher ausgeführt werden muß. Alle Flächenstaaten, mit Ausnahme von Bayern verbieten an dieser Stelle grundsätzlich das flächige Abbrennen der Bodenvegetation. Es ist in der Regel ein deskriptives, generelles Verbot, bei dem sich einige Länder einen Befreiungsvorbehalt der zuständigen Naturschutzbehörde im Einzelfall offenhalten. Zuwiderhandlungen werden als Ordnungswidrigkeit geahndet.

Im § 37 Abs.2 des niedersächsischen Naturschutzgesetzes (NNatG) heißt es, daß die Bodendecke auf Wiesen, Feldrainen, ungenütztem Gelände, an Hecken, Hängen und Böschungen nicht abgebrannt werden darf. Nach Blum et al. 1990 handelt es sich dabei um ein unbedingtes Verbot, da das Abbrennen eine Verfahrensweise ist, deren ökologische Schäden typischerweise den erreichten Nutzen bei weitem übertreffen und es nach herrschender Rechtsauffassung keinen vernünftigen Grund dafür gibt. Es besteht jedoch eine Ausnahmemöglichkeit nach § 37 Abs.5 NNatG, bei der die Untere Naturschutzbehörde oder eine andere Verwaltung im Einvernehmen mit der Unteren Naturschutzbehörde eine Genehmigung erteilen kann. Als Grund müssen öffentliche Belange vorliegen, die die Ausnahmegenehmigung rechtfertigen, z.B. der Einsatz von Feuer zur Pflege von Schutzgebieten.

Ein weiteres Gesetz, das den Feuereinsatz in der Landschaft weitgehend verbietet, ist das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz des Bundes (vom 27.9.1994). Da es nur ein Rahmengestz ist, das von den Ländern konkretisiert werden muß, können die einzelnen Landesgesetze und -verordnungen voneinander abweichen. So steht in der baden-württembergischen Verordnung über die Beseitigung pflanzlicher Abfälle (§2), daß Pflanzenreste von landwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzten Grundstücken nicht flächig verbrannt werden dürfen, sondern so weit als möglich auf Haufen aufgeschichtet werden müssen. Größere Mengen sind anzeigepflichtig. In Niedersachsen ist durch die Kompostverordnung vom 10.5.1978 (g.d.V.v. 24.1.1994) das Verbrennen pflanzlicher Abfälle grundsätzlich verboten, wobei die Gemeinden an zwei Tagen im Jahr oder auf Antrag Ausnahmen zulassen können (Hösel & Freiherr von Lersner 1995).

Im Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) vom 14.5.1990 (geändert am 23.11.1994) wird auf das Verbrennen von Vegetation kein Bezug genommen. Der Geltungsbereich des Gesetzes (§2 BImSchG) erstreckt sich zwar u.a. auf die Errichtung und den Betrtieb von Anlagen, zu denen auch Grundstücke, auf denen emmissionsträchtige Arbeiten vorgenommen werden, gehören. Jedoch sind Gartengrundstücke und landwirtschaftliche Flächen keine Anlagen in diesem Sinne, weil Düngung oder Abfallverbrennung zu selten erfolgen. Prinzipiell ist es möglich, daß an dieser Stelle die Länder weitergehende Vorschriften erlasssen, insbesondere die Regelung von Emissionen aus nichttechnischen Einrichtungen, etwa das Verbrennen von Gartenabfällen (Jarass 1995). Davon wurde jedoch im Rahmen der Immissionsschutzgesetze bishher keine Anwendung gemacht.

Die derzeitigen gesetzlichen Grundlagen zielen also ganz wesentlich darauf ab, das offene Feuer aus der Landschaft fernzuhalten. Dies ist die Konsequenz aus der Umweltschutz- und Luftreinhaltepolitik der letzten Jahrzehnte. In jüngster Zeit zeichnet sich zunehmend deutlich ab, daß in manchen Fällen kontrolliertes Feuer für die Zielerfüllung im Naturschutz Wesentliches beitragen kann. Für diese klar bestimmbaren und wissenschaftlich gut begründbaren Fälle sollten grundsätzliche Regelungen geschaffen werden, die mühsame Ausnahmeverfahren im Einzelfall ersparen und einen behutsamen, sachgerechten Feuereinsatz in der Landschaft ermöglichen. Die organisatorischen und sicherheitstechnischen Anforderungen an die Durchführung des kontrollierten Brennens sowie die Kompetenzen der Beteiligten sollten deswegen präzisiert und festgelegt werden.

Hier ergibt sich eine sinnvolle Aufgabe für die Zusammenarbeit zwischen dem amtlichen Naturschutz, der Forschung und den wenigen erfahrenen Anwendern in Deutschland, einschlägige rechtliche Regelungen in einer Form zu definieren und den Landesverwaltungen als Vorschlag für den Erlaß von Durchführungsbestimmungen vorzulegen. Diese sollten auch dem privaten Flächennutzer ermöglichen, dort Feuer einsetzen zu können, wo es aus Sicht der Landschaftspflege Sinn macht. Andererseits muß vermieden werden, daß der Feuereinsatz in der Flächenbehandlung wieder außer Kontrolle gerät und eine ähnliche Situation entsteht, die zu den derzeit bestehenden Flämmverboten geführt hat.

 

5. Feuer-Management

5.1 Die Technik des Feuereinsatzes

Das kontrollierte Brennen ist eine anspruchsvolle Technik, deren Anwendung eine Reihe von Grundkenntnissen über die Rahmenbedingungen voraussetzt, die das Verhalten und die Auswirkung des Feuers bestimmen. Diese Pflegetechnik hat ihre Wurzeln in den historischen Landnutzungsformen, die die europäischen Auswanderer mit in die Neue Welt gebracht hatten. Während im Nachkriegs-Europa das Dogma des Feuerausschlusses zu einem Verlust der tradierten Kenntnisse führte, überlebten diese in Nordamerika - trotz der über lange Zeit von preußischen und französischen Forstleuten bewirkten Politik des Feuerausschlusses - und wurden vor allem in den USA als Verfahren des kontrollierten Brennens in den sechziger und siebziger Jahren unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse modifiziert, verfeinert und den Anforderungen an moderne Pflege und Schutzmaßnahmen im Ökosystem-Management angepaßt.

Im Rahmen dieses Strategiepapieres muß auf eine ausführliche Einführung in die Technik des Brennens verzichtet werden. Es wird daher auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen. Eine aktualisierte Zusammenfassung findet sich bei Pyne et al. (1996); in der deutschsprachigen Literatur hat Goldammer (1978) die Grundsätze des kontrollierten Brennens zusammengestellt und anhand des Beispieles von Ökosystem-Management in den Tropen und Subtropen vertieft (Goldammer 1993). Es werden aber an dieser Stelle einige wesentliche Grundlagen in Kürze erörtert, die nötig sind, um den Feuereinsatz in seiner Vielfältigkeit verstehen zu können.

Um den Feuereinsatz genauer planen zu können, ist die Beachtung einiger Faktoren unabdingbar, die das Verhalten des Feuers bestimmen. Vorrangig ist die Beurteilung der meteorologischen Bedingungen, wie Großwetterlage, Wind- und Strahlungsverhältnisse und die Luftfeuchtigkeit. Die Luftfeuchtigkeit und die Länge der vorausgegangenen Trockenperiode haben einen wesentlichen Einfluß auf den Feuchtigkeitsgehalt des Brennmaterials. Das feine Brennmaterial (lose geschichtete Laub- und Nadelstreu, ausgetrocknete Grasschicht, ausgetrocknete Zweige und Äste) bestimmen unter den hiesigen Verhältnissen im Wesentlichen das Feuerverhalten. Ist dieses Brennmaterial ausreichend trocken, verbrennt es rascher, vollständiger und mit hohen Temperaturen ("heiße Feuer"). Mit zunehmender Feuchtigkeit des Brennmaterials verringert sich die Feuerintensität, und das Feuer brennt "kälter".

Mit einem "kalten Feuer" kann die Auswirkung einer Mahd nachgeahmt werden, da die Gras- und Streuschicht schnell, oberflächlich und mit geringen Auswirkungen auf die Humusauflage verbrannt wird. Ein "heißes Feuer" zeichnet sich beispielsweise durch große Flammenhöhe und längere Verweilzeit aus und eignet sich dazu, unerwünschten Strauch- und Baumaufwuchs zurückzudrängen (Riess 1976b). Die Topographie und Windgeschwindigkeit sind die entscheidenden Faktoren, die die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Feuers bestimmen. So vervierfacht sich beispielsweise die Ausbreitungsgeschwindigkeit eines Feuers an einem 20° steilen Hang im Vergleich zum Ausbreitungsfortschritt in der Ebene.

Drei wichtige Brenntechniken kommen unter den hiesigen Anforderungen der Anwendung in Betracht:

Beim Lauf- oder Mitwindfeuer wird mit der Windrichtung gebrannt. Das Feuer läuft schnell über die Fläche und entwickelt hohe Temperaturen im oberen Flammenbereich (bis 1000° C). Je nach Beschaffenheit, Verteilung und Feuchte des Brennmaterials ist die Verbrennung der Bodenauflage meist unvollständig. Das führt dazu, daß die Temperaturen in Bodennähe in der Regel nicht sehr hoch sind, da das Temperaturmaximum am oberen Ende der Flammenzone liegt. Dadurch wird in der Regel nur die obere Streuauflage entfernt und die Bodenlebewelt so weit als möglich geschont.

Das Gegenwindfeuer wird gegen die Hauptwindrichtung gelegt. Dadurch wird die Fortschrittsgeschwindigkeit des Feuers wesentlich verlangsamt, und das Brennmaterial verbrennt vollständiger, jedoch mit niedrigeren Temperaturen. Das Temperaturmaximum wird im Vergleich zum Mitwindfeuer in Bodennähe verlagert.

Bei einem Ringfeuer wird das Feuer kreisförmig um die zu brennende Fläche gelegt und die Feuerfronten treffen im Zentrum der Brandfläche aufeinander. Durch das konvektive Verhalten der Luftströmung entsteht ein Sog, der ein Feuer mit sehr hoher Intensität entstehen läßt. Diese Brenntechnik eignet sich beispielsweise zur Beiseitigung unerwünschter Gehölzverjüngung.

5.2 Der Feuereinsatz im Vergleich zu anderen Pflegemethoden

Der Einsatz von Feuer als Pflegemaßnahme in Deutschland bzw. Mitteleuropa kommt für eine Reihe von Vegetationstypen bzw. Landschaftselementen infrage (s.u. Abschn.5.3). Zielsetzungen und Durchführung des Brennens richten sich nach den spezifischen Erfordernissen, die nicht nur die Zusammensetzung und Dynamik der Vegetation berücksichtigen müssen, sondern auch Aspekte von Landschaft und Landschaftsnutzung. Dabei können die spezifischen Ziele des Feuereinsatzes sehr unterschiedlich sein. Eine Analyse dieser Zielsetzungen ist für die Pflegeplanung von zentraler Bedeutung. Ein potentieller Feuereinsatz ist mit anderen Pflegeformen abzustimmen (ergänzenden Maßnahmen versus Ersatzmaßnahmen). Dabei gilt es, folgende grundsätzliche Punkte zu bedenken:

a. Auswirkungen der unterschiedlichen Pflegemaßnahmen

Nach einem Feuereinsatz in kulturbedingten Ökosystemen können sich die Dominanzstrukturen in den Lebensgemeinschaften für einen in der Regel begrenzten Zeitraum verändern, indem Arten vorübergehend oder endgültig verdrängt werden, andere hingegen die Vorherrschaft erlangen. Diese Veränderungen der biotischen und abiotischen Verhältnisse können das erklärte Pflegeziel sein oder müssen in gewissen Grenzen als methoden-immanent hingenommen werden; Verluste von Individuen durch unmittelbare Einwirkung sind auch bei anderen Pflegemaßnahmen im Grundsatz nicht zu vermeiden (Handke 1988, Van der Ende 1993).

So verliert das häufig auch stark emotional gefärbte Argument an Schärfe, daß Tiere und Pflanzen bei dem Feuereinsatz vernichtet werden. Statt dessen muß der Blick auf den eigentlich zentralen Punkt bei der Diskussion über die verschiedenen Pflegemaßnahmen gerichtet werden: Welche ökologischen Auswirkungen bringen die verschiedenen Pflegemethoden mit sich und wie stehen sie im Verhältnis zu dem erzielten Nutzen. Dabei werden im Hinblick auf die optimale Pflegeform von Fall zu Fall unterschiedliche Entscheidungen zu erwarten sein, und es sollte nüchtern und sachlich die beste Variante ausgewählt werden. Diese Überlegung macht deutlich, daß es nicht Ziel des zukünftigen Feuereinsatzes sein kann, die anderen Pflegemethoden zu ersetzen oder zu verdrängen. Vielmehr soll die Palette der bisherigen Pflegemöglichkeiten im Sinne der Optimierung von Eingriffsintensität und Kosten um eine weitere Option ergänzt werden. Dabei muß am konkreten Einzelfall entschieden werden, ob Pflegemaßnahmen notwendig sind und wenn ja, welche Methode die effizienteste, schonenste und günstigste ist, um das gewünschte Ziel zu erreichen.

b. Personelle, technische und finanzielle Überlegungen

Die heute gängigen Methoden der Offenhaltung nicht intensiv genutzter und für den Naturschutz wertvoller Landschaftsteile sind die Mahd, das Mulchen und in Sonderfällen auch das Plaggen oder die Beweidung.

Diese Pflegetechniken stellen spezifische Anforderungen an die technische Ausrüstung und/oder Infrastuktur. Generell gilt, daß Handarbeit in der Flächenbehandlung sehr personal- und zeitaufwendig ist und oft nur sehr kleinflächig mit freiwilligen Helfern aus Naturschutzvereinen durchgeführt werden kann. Da man heute jedoch mit den Aufgaben der Landschaftspflege vielfach an finanzielle und personelle Kapazitätsgrenzen stößt, sucht man in jüngster Zeit vermehrt nach Alternativen. Das kontrollierte Brennen ist eine Pflegeform, die bei routinemäßiger Nutzung mit vergleichsweise geringen personellen und maschinellen Mitteln auskommt. Der Neubeginn eines Brennprogrammes bringt voraussichtlich einen erhöhten Vorbereitungsaufwand mit sich, da Behörden, sonstige Träger öffentlicher Belange und anfänglich meist auch die Feuerwehr mit einbezogen werden müssen.

Es ist aus heutiger Perspektive anzunehmen, daß ein Feuereinsatz in manchen Fällen durchaus eine qualitativ ebenbürtige und darüber hinaus kostengünstige Alternative zu herkömmlichen Pflegemaßnahmen darstellen wird. Untersuchungen von Wegener (1993) und Holst-Jørgensen (1993) zeigen, daß das Brennen bei der Kostenkalkulation im Vergleich zu anderen Pflegevarianten meist über 50% günstiger abschneidet. An dieser Stelle wird aber nochmals unterstrichen, daß die Kosten nicht als ausschlaggebendes Argument für den Feuereinsatz herangezogen werden dürfen, wenn andere Schutzgründe dem entgegenstehen.

c. Strukturelle, topographische und edaphische Verhältnisse der zu pflegenden Flächen

Häufig weisen die zu behandelnden Flächen reichhaltige Strukturelemente auf, die einen Maschineneinsatz schnell an seine Grenzen stoßen lassen. Diese reichen in Heiden und Grünland von Lesesteinhaufen über Findlinge oder flächig eingestreute Felspartien bis hin zu kleinen Gebüsch- und Baumgruppen. Bei der flächigen Heidemahd mit Maschinen weist Lütkepohl (1993) darauf hin, daß stellenweise eine Strukturverarmung auftritt und dadurch die Diversität geringer wird. Dies kann zwar auch kurzfristig ein Effekt des Feuers sein, in jedem Fall aber wird das Kleinrelief bei Feuereinsatz maximal geschont.

Auch steile Hanglagen verbieten einen Maschineneinsatz. Hier sind die Beweidung, das Mähen von Hand oder der Feuereinsatz die einzigen Möglichkeiten, um diese Flächen zu pflegen. Bei sehr steilen Hanglagen - wie beispielsweise die Rebböschungen des Kaiserstuhls - fallen auch die Beweidung oder die Mahd von Hand weitgehend aus.

Des Weiteren gibt es Flächen, auf denen aus edaphischen Gründen der Einsatz von großen Maschinen zweifelhaft ist, da es hier zu Bodenverwundungen, Bodenverdichtungen oder zu Veränderungen des Mikroreliefs kommen kann. Als Beispiele seien hier Feuchtwiesen auf plastischem geologischen Untergrund oder Moorböden genannt.

In allen genannten Fällen kann ein Feuereinsatz eine sinnvolle und praktikable Alternative darstellen, sofern keine anderen Schutzgründe dagegensprechen. Ist nach diesen Überlegungen die Entscheidung für einen Feuereinsatz gefallen, gibt es einige brenntechnische Überlegungen, die im Vorfeld des kontrollierten Brennens geplant werden müssen:

Größe und Lage der einzelnen Brandflächen

Unter mitteleuropäischen Verhältnisssen sollte das Feuer zur Pflege im Naturschutz in der Regel nur kleinflächig und abschnittsweise angewendet werden. Dabei sollte sich die Größe und Lage der einzelnen Brandflächen an der Gesamtgröße des Pflegegebietes orientieren, und zwar so, daß eine floristische und faunistische Wiederbesiedlung problemlos möglich ist. So wird beispielsweise im Neustädter Moor jährlich auf ein bis fünf Prozent der Fläche des gesamten Schutzgebietes gebrannt. Diese Größenordnung kann für andere Flächen, die kontrolliert gebrannt werden sollen, nur ein Anhalt sein, da sich die jährlich gebrannte Fläche nach dem angestrebten Feuerintervall (s.u.) richtet. Die Lage und Form der einzelnen Brandflächen sollte sich möglichst den topographischen Konturen anpassen bzw. unregelmäßig und mosaikartig in der Landschaft verteilt sein. Dadurch erreicht man einen hohen Randlinieneffekt, bei dem sich frisch gebrannte mit älteren Brandflächen abwechseln.

Feuerhäufigkeit (Feuerintervall) und Brandzeitpunkt

Beide Faktoren werden von dem spezifischen Pflegeziel bestimmt. Das Feuerintervall (durchschnittlicher Abstand zwischen zwei Feuerbehandlungen in Jahren) ist in den in Frage kommenden hiesigen Vegetationstypen sehr unterschiedlich, dürfte aber nach den bislang vorliegenden Erfahrungen zwischen einem und zwanzig Jahren liegen (Wegener 1993, Van der Ende 1993, Holst-Jørgensen 1993, Schreiber 1995).

In Abschnitt 5.1 wurde gezeigt, daß mit verschiedenen Brennmethoden unterschiedliche Effekte erzielt werden können, die u.a. durch die meteorologischen Bedingungen und die Jahreszeit beeinflußt werden. Dabei wurde bei den meisten Brennversuchen bisher im Winter gebrannt (Zimmermann 1975, Hoffmann 1980, Wegener 1993, Schreiber 1995, Lütkepohl et al. 1997). Zu dieser Jahreszeit ist die Aktivität von Fauna und Flora stark eingeschränkt, und da der Boden kalt oder gefroren ist, sind die Auswirkungen des Feuers auf die Organismen in Bodennähe am geringsten. Dabei ist allerdings zu bedenken, daß vor allem den Tierarten, die in der Streu überwintern, die Chance genommen wird, vor dem Feuer zu fliehen. Ist es das Ziel, mit einem möglichst intensiven, heißen Feuer zu brennen, etwa um starken Gehölzaufwuchs zurückzudrängen oder die Streudecke möglichst vollständig zu entfernen, kann ein Feuer zwischen Spätfrühjahr und Sommer erfolgversprechend sein.

Auch die Tageszeit spielt für die Feuerintensität eine Rolle. Sie ist in der Regel in den frühen Nachmittagsstunden am höchsten, kurz nachdem die Einstrahlung ihren Höhepunkt erreicht hat und die relative Luftfeuchtigkeit und Feuchtigkeit des schwachen Brennmaterials am niedrigsten sind.

5.3 Möglichkeiten des Feuereinsatzes in Mitteleuropa bzw. Deutschland

Aus Gesichtspunkten des Naturschutzes, der Landschaftspflege und ggf. auch der Forstwirtschaft ergeben sich heute mehrere Schwerpunktbereiche, in denen man sich neben konventionellen Pflegeverfahren einen gezielten Feuereinsatz vorstellen könnte:

a. Heidegesellschaften

b. Moore

c. Trocken- und Magerrasen

d. Bracheflächen

e. Andere land- und weinbauwirtschaftliche Problemstandorte

f. Waldbewirtschaftung

g. Reduzierung der Wildfeuergefährdung

Erfahrungen in der Lüneburger Heide haben beispielsweise deutlich gemacht, daß die langfristige Beschränkung der Heidepflege allein auf Schafbeweidung zu sehr strukturarmen Heiden führt, deren Vitalität und Verjüngungsfreudigkeit abnimmt. Das gesamte Spektrum traditioneller Bewirtschaftungsverfahren ist notwendig, um eine strukturreiche, vitale Heide zu erhalten (Lütkepohl 1993, Lindemann 1993). So kommen heute neben der Mahd auch maschinelle Plaggverfahren zum Einsatz. Feuer erweist sich dabei zur Pflege noch vitaler, zu Stockausschlägen fähiger Calluna-Heiden auf Standorten mit geringer Rohhumusauflage als sehr effektiv, insbesondere dort, wo Mahd aus den o.a. Gründen als Pflegemaßnahme ausscheidet.

Auch bei der Pflege degenerierter Moore ist ein Feureinsatz denkbar, vor allem um einen Nährstoffaustrag zu erreichen. In diesem Fall scheint besonders die Kombination von Feuer und Beweidung vielversprechend zu sein (vgl. Abschn. 3.2).

Kleinflächig und abschnittsweise angewendet, kann das Feuer auch im Grünland vor allem in trockenen Gesellschaften ein geeignetes Pflegemittel sein. Insbesondere gilt dies für subkontinental bis kontinental beeinflußte Trocken- und Halbtrockenrasen, Sandtrockenfluren und Gebirgstrockenrasen (Wegener 1993). Gleiches gilt für Böschungen in Weinbaugebieten, da diese häufig so steil sind, daß andere Pflegevarianten nicht möglich sind. Ob es sich dafür eignet, bestimmte schutzwürdige Artenkombinationen zu erhalten, kann noch nicht abschließend beantwortet werden. Geht es jedoch vornehmlich darum, eine bestimmte gewünschte Biotopkapazität, Diversität oder Strukturvielfalt zu erhalten und zu fördern, ist das Feuer eine geeignete Pflegemaßnahme. Dies gilt besonders für Flächen, die in unwegsamem und steilem Gelände liegen und/oder sehr viele Kleinstrukturen aufweisen, da hier abgesehen von der extensiven Beweidung andere Pflegeverfahren nur unter erheblichem Aufwand und größeren Schwierigkeiten durchgeführt werden können.

Abschließend sollen die Truppenübungsplätze erwähnt werden, auch wenn sie keine einheitlichen Landschaftsteile darstellen, sondern aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ökosysteme bestehen. Sie stellen die letzten echten "Brandrefugien" Mitteleuropas dar (vgl. Abschn. 2.2) und nehmen große zusammenhängende Flächen ein. Deshalb sind sie sowohl für die feuerökologische Forschung als auch für die zukünftige Erprobung und Anwendung von Feuer-Management-Maßnahmen von herausragender Bedeutung.

Allein in Brandenburg gibt es über 90.000 ha ehemaliger Übungsflächen, von denen ein knappes Drittel dem Naturschutz zur Verfügung gestellt wurde und wo "Wildnisgebiete" ausgewiesen werden sollen (Flade 1996). Sie reichen von einem vielfältigen Mosaik aus primären Sukzessionstadien über Heideflächen bis hin zu geschlossenen Wäldern, für die ein langfristiges Bewirtschaftungskonzept entwickelt werden soll. Dabei ist es naheliegend, daß diese Flächen, die durch "Katastrophen" entstanden sind und in deren Entstehungsgeschichte das Feuer eine maßgebliche Rolle gespielt hat, auch weiterhin dem Feuer ausgesetzt werden sollten. Flade (1996) sieht in einer Mischung aus Jagdruhezonen, Zulassung von Bränden - kontrollierten und natürlichen - und Insektenkalamitäten die beste Möglichkeit, die Dynamik dieser Lebensräume in Gang zu halten.

Diesem Managementkonzept liegt die Hypothese zugrunde, daß der Anteil der Offenlandbiotope in der nacheiszeitlichen Naturgeschichte schon immer eine bedeutende Rolle gespielt hat (Brunzel-Drüke et al. 1994, Beutler 1996), sei es, daß sie durch menschliche Eingriffe geschaffen wurden, oder natürliche Kalamitäten wie Feuer, Sturm und Insekten die Wälder öffneten und in der Folgezeit durch einen hohen Beweidungsdruck der Herbivoren offengehalten wurden.

 

6. Öffentlichkeitsarbeit

Es ist offensichtlich, daß es aus naturschutzfachlicher Sicht eine Anzahl von Argumenten gibt, dem Feuer in der Palette der Pflegemöglichkeiten von Schutzgebieten einen Platz zuzugestehen. Für die praktische Umsetzung gilt es jedoch noch eine Reihe von Hürden zu nehmen, da in den meisten Verwaltungen und in der Öffentlichkeit der Nutzung des Feuers in der freien Landschhaft ein großes Mißtrauen entgegengebracht wird. Da es in den letzten Jahrzehnten weitgehend verboten war, das Feuer einzusetzen, hat es sich in dem Bewußtsein der Öffentlichkeit festgesetzt, daß Feuer für die Natur negativ zu bewerten ist. Ein Wiederzulassen des Feuers im Naturschutz kann daher zunächst auf breites Unverständnis stoßen. Deswegen ist eine gute und gezielte Öffentlichkeitsarbeit nötig. Sie muß unmißverständlich herausarbeiten, daß es einerseits gilt, einen fachlich begründeten Feuereinsatz zuzulassen, andererseits das unkontrollierte Flämmen von beispielsweise Hecken, Feldgehölzen und Ackerflächen weiterhin zu unterbinden. Aus den vorliegenden Erfahrungen mit dem Feuereinsatz läßt sich mittlerweile eine Fülle überzeugender Argumente ableiten.

Ob die Öffentlichkeitsarbeit sich größeren Problemen stellen muß, sollten sozio-ökonomische Begleituntersuchungen in den kommenden Jahren herausarbeiten. Die junge Generation von Landwirten bzw. der Bevölkerung im ländlichen Raum einerseits und der städtischen Bevölkerung andererseits sind über Naturprozesse in der Regel recht gut informiert bzw. haben ein allgemein gutes Verständnis für vergleichbare Neuerungen. So hat beispielsweise die Diskussion der Brände im Yellowstone Nationalpark (USA) im Jahr 1988 in den hiesigen Medien über Jahre hinweg einen bislang ungekannten Raum eingenommen, und es besteht zumindest beim durchschnittlichen Bildungsbürger ein überraschend hoher Bewußtseinsstand über die Ambivalenz von Waldbränden.

Die junge Generation von Landwirten (einschließlich Weinbauern, Schäfer, Jäger) hat aber andererseits keine Erinnerung und Erfahrung in den alten Praktiken des Flämmens. Hier ist insbesondere die ältere Generation gefragt, mit Rat zur Seite zu stehen.

Konkrete Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit sind Vorträge, Fortbildungen und öffentliche Informationsveranstaltungen für interessierte Mitbürger, Verbände oder die Naturschutzverwaltungen. Dabei sollten möglichst viele und unterschiedliche Träger öffentlicher Belange eingebunden werden, um eine interdisziplinäre Diskussion anzuregen und Lösungsansätze zu erarbeiten, die einen möglichst großen Rückhalt in der Öffentlichkeit finden. Außerdem werden so die neu gewonnenen Informationen über Multiplikatoren nach außen getragen.

Dabei kann es sich als sinnvoll erweisen, die Ziele des Feuereinsatzes in der Landschaftspflege an bestimmten bekannten Zielarten (z.B. dem Birkhuhn) festzumachen. Von Bedeutung ist auch gerade für die Öffentlichkeitsarbeit, den historischen Ansatz auszubauen, der deutlich macht, daß Feuer kein neues Instrument des Naturschutzes ist, sondern daß es von alters her in vielen Kulturlandschaften Deutschlands eine Rolle gespielt hat.

 

7. Forschungsbedarf und Perspektiven

Während in der süd- und außereuropäischen feuerökologischen Forschung mittlerweile ein umfangreiches Fachwissen vorliegt, ist dieses im mitteleuropäischen Raum nur fragmentarisch vorhanden. Dabei fehlen vor allem längerfristige Untersuchungen (Dauerbeobachtungsflächen) im Sinne der Konzepte von Schreiber (1997), der die bereits erwähnten Bracheversuche in Baden-Württemberg betreut. Dieses erhebliche Wissensdefizit sollte durch eine breite Forschungsinitiative überwunden werden, die u.a. in folgenden Bereichen wirken bzw. Themen aufgreifen sollte:

Ein weiteres, bislang unzureichend abgedecktes Gebiet betrifft die Rolle des Feuers in der Natur- und Landnutzungsgeschichte.

Bislang gibt es nur wenige Untersuchungen über die Geschichte des Feuers und dessen Auswirkungen auf die Vegetation Mitteleuropas. Eine kulturhistorisch-ökologisch ausgerichtete Komponente eines breiteren Forschungsprogrammes sollte sich folgenden Fragestellungen widmen:

Insgesamt drängt die Zeit, da viele schützenswerte Flächen der Sukzession bzw. Überalterung unterliegen und sich nachhaltig zu verändern drohen. Als Ergebnis dieses Grundsatzpapieres wird daher empfohlen, entsprechende Maßnahmen zügig umzusetzen. In den Ökosystemen, von denen wir wissen, daß sie in ihrer gechichtlichen Entwicklung immer wieder durch das Feuer beeinflußt wurden, sollten Programme des kontrollierten Brennens, unterstützt durch wissenschaftliche Begleituntersuchungen, baldmöglichst aufgelegt werden.

 

8. Ausblick

Auf die im Oktober 1996 von der Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz (NNA) in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzzentrum Hessen e.V. und dem Max-Planck-Institut für Chemie, Abteilung Biogeochemie, durchgeführte Fachtagung "Feuereinsatz im Naturschutz" folgte bereits kurz darauf ein Seminar "Kontrolliertes Brennen in der Landschaftspflege" im Naturschutzzentrum Hessen im Februar 1997.

Mit Wirkung von März 1997 initiierte das Ministerium Ländlicher Raum, Baden-Württemberg, zusammen mit der Arbeitsgruppe Feuerökologie des Max-Planck-Instituts für Chemie ein dreijähriges Forschungs- und Entwicklungsprogramm zum Einsatz des kontrollierten Brennens zur Pflege von Rebböschungen im Kaiserstuhl. Der amtliche Naturschutz hat hiermit eine wichtige Initiative ergriffen, die nicht unerhebliche Auswirkungen auf die einschlägige Forschung und Entwicklung in Deutschland haben dürfte. Am 2. Juni 1997 werden sich die vorgenannten Initiativen aus Baden-Württemberg, Niedersachsen und Hessen anläßlich eines Fachsymposiums der baden-württembergischen Akademie Ländlicher Raum im Kaiserstuhl vorstellen.

Eine neue Denkrichtung in Ökologie, Naturschutz und bei Bemühungen um die Pflege historischen Kulturgutes auf Landschaftsebene trifft jetzt auch auf ein allgemeines Interesse. Mit einer Verzögerung von mehr als zwei Jahrzehnten ist es aber noch nicht zu spät, Arten, Pflanzengesellschaften und Landschaftsbilder wiederherzustellen, die durch falsch verstandenen Schutz vor Bewirtschaftung oder auch aufgrund des Mangels finanzieller Ressourcen in ihrem Bestand bedroht sind.

Es wird unerläßlich sein, eine von der Wissenschaft getragene Zieldiskussion zu führen, da Leitbilder des Naturschutzes, die sich häufig aus normativen Entscheidungen entwickeln, von einer breiten Öffentlichkeit getragen werden müssen. Es gilt dabei, nach den Jahrzehnten der Politik des Feuerausschlusses nun eine sinnvolle Neuentwicklung einzuleiten, die eine völlig unkontrollierte Nutzung des Feuers ausschließt. Um so wichtiger ist es, auf der Grundlage vorliegender Praxiserfahrungen sinnvolle und praktikable rechtliche Regelungen zu schaffen, damit neue Erfahrungen mit dem Feuereinsatz in Naturschutz, Landwirtschaft und Landschaftspflege gewonnen werden können.

 

9. Zusammenfassung

Im Oktober 1996 trafen sich etwa 100 Fachleute aus Wissenschaft, dem amtlichen Naturschutz und anderen öffentlichen Verwaltungen in Schneverdingen zu der Fachtagung "Feuereinsatz im Naturschutz". Sie wurde von der Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz (NNA) in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Feuerökologie und Biomasseverbrennung des Max-Planck-Institutes für Chemie und dem Naturschutzzentrum Hessen e. V. durchgeführt.

In Vorträgen und Diskussionen wurde über das Für und Wider des Feuereinsatzes für Naturschutzzwecke in Mitteleuropa nachgedacht. Die Themen reichten dabei von den ökologischen Auswirkungen des Feuers, über dessen geschichtliche Bedeutung, bis hin zu gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten, die mit dem Feuereinsatz im Zusammenhang stehen. Dieses Positionspapier faßt die Tagungsergebnisse zusammen und gibt einen Überblick über die feuerökologische Forschung der letzten 30 Jahre in Mitteleuropa. Es soll als Grundlage dafür dienen, die Anwendungsmöglichkeiten des kontrollierten Brennens für den Naturschutz und die Landschaftspflege neu zu überdenken und konkrete Anwendungsbereiche für die Zukunft aufzeigen.

Diese Überlegungen bauen auf vegetations- und kulturgeschichtlichen Untersuchungen auf. So deuten beispielsweise Analysen von See- und Torfsedimenten zur Rekonstruktion der Vegetationsgeschichte darauf hin, daß es auch in Mitteleuropa seit dem Ende der letzten Eiszeit immer wieder zu Vegetationsbränden kam. Wichtige Indizien dafür sind Holzkohlepartikel und Pollen, die auf Brandsukzessionen schließen lassen. Es gibt eine Reihe von Hinweisen, die darauf schließen lassen, daß natürliche Vegetationsbrände spätestens seit dem Beginn des Subatlantikums durch menschliche Einfluß überlagert werden. Mit dem Seßhaftwerden des Menschen und dem Aufkommen des Ackerbaus in der Jungsteinzeit entwickelten sich die ersten Wanderfeldbau- und Brandrodungssysteme, die in wechselnder Form bis in dieses Jahrhundert hinein Bestand hatten. Als Beispiele seien hier die Reutebergwirtschaft des Schwarzwaldes, das Heide- und Moorbrennen in der nordwestdeutschen Kulturlandschaft sowie das Brennen von Grün- und Ackerland erwähnt. Doch mit dem Aufkommen der modernen intensiven Landwirschaft verschwanden diese vom Feuer geprägten, extensiven Landnutzungsformen zunehmend. Weiterhin kam es in der Nachkriegszeit praktisch zu einem völligen Verbot der Feueranwendung im ländlichen Raum, so daß seit mehr als 20 Jahren die traditionellen Verfahren des Brennens aus der Landschaft verschwunden sind. Lediglich auf Truppenübungsplätzen in beiden Teilen Deutschlands kam es durch den militärischen Übungsbetrieb immer wieder zu unkontrollierten und kontrollierten Bränden. Auf diesen Flächen entwickelten sich aufgrund der Störungen sehr wertvolle, artenreiche Pflanzen- und Tiergesellschaften, die im Falle von aufgegebenen Plätzen jetzt zum großen Teil unter Naturschutz stehen.

Der herausragende Stellenwert dieser auf vielen Truppenübungsplätzen erhaltenen Ökosysteme bringt den Naturschutz derzeit zunehmend zum Umdenken, und es stellt sich die Frage, ob es richtig war, den Feuereinsatz in der Behandlung unserer Kulturlandschaften grundsätzlich zu verbieten. Und auch der Blick auf andere Gebiete in Mitteleuropa zeigt, daß es in der Vergangenheit immer wieder zu Vegetationsbränden kam, die viele offene und halboffene Lebensräume geschaffen und erhalten haben. Diese zu pflegen und zu entwickeln ist die Voraussetzung für einen nachhaltigen Schutz vieler Tier- und Pflanzenarten.

Unter den Tagungsteilnehmern und in der Literatur, die sich mit feurerökologischen Fragen in Mitteleuropa auseinandersetzt, besteht weitgehend Übereinstimmung, daß ein ausnahmloses Verbot des Feuereinsatzes in der Landschaftspflege nicht sinnvoll sein kann. Das kontrollierte Brennen kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, daß offene, von Nährstoffarmut und Artenreichtum geprägte Ökosysteme erhalten bleiben.

Die bisherigen wissenschaftlichen Begleituntersuchungen zu verschiedenen Brandversuchen (z.B. in der Lüneburger Heide, auf Brachflächen in Baden-Württemberg, in Grünlandgesellschaften in Thüringen und im Neustädter Moor) deuten immer wieder darauf hin, daß Feuer auf viele Lebensgemeinschaften des Offenlandes einen positiven Einfluß hat. Bei gut durchdachter und geplanter Durchführung des kontrollierten Brennens lassen sich mögliche Verluste in der Fauna und Flora auf ein Maß beschränken, zu dem es auch bei anderen Pflegemaßnahmen wie Mahd, Mulchen, Beweidung und Plaggen kommt. Durch das Feuer werden Lebensräume verändert und neue Strukturen geschaffen, die anderen Arten neue Lebensmöglichkeiten bieten. Ob diese Änderung der Lebensräume aus naturschutzfachlicher Sicht positiv oder negativ zu bewerten ist, muß am Einzelfall entschieden werden.

Dennoch kann es nicht Ziel eines anzustrebenden Feuerprogramms in Naturschutz, sowie Land- und Forstwirtschaft sein, Feuer wieder in großem Stil in der Behandlung unserer Kultur- und Naturlandschaft einzusetzen. Das kontrollierte Brennen sollte aber in die Palette der Pflegemöglichkeiten mit aufgenommen werden, um es kleinräumig und behutsam dort wieder einzusetzen, wo es unter fachlichen und ökonomischen Gesichtspunkten Sinn macht. Um das zu ermöglichen, muß der rechtliche und administrative Rahmen im Bereich Naturschutz und Abfallbeseitigung so verändert werden, daß ein agbewogener sachgerechter Feuereinsatz in der Landschaft möglich ist.

Damit für den Feuereinsatz eine solide und fundierte Grundlage geschaffen werden kann, muß eine enge Zusammenarbeit zwischen feuerökologischer Forschung und den verschiedenen Trägern öffentlicher Belange zustande kommen. Eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit ist ebenfalls unerläßlich. Für die feuerökologische Forschung wird die Bildung eines fachübergreifenden Forums im deutschsprachigen Raum empfohlen.


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